Die Ehrfurcht vor Gott gebietet
uns, gewisse Dinge nicht
zu tun, weil sie mit dem Willen
Gottes unvereinbar sind.
„Die Furcht des Herrn wehrt
der Sünde.“ (Sir. 1, 26) „Wohl
dem, der Gott allewege fürchtet!“
(Spr. 28, 14) Wenn etwas
mehr Gottesfurcht in klerikalen
Kreisen vorhanden wäre,
dann hätten wir vielleicht
auch keine Missbrauchsfälle
zu beklagen. Die Ehrfurcht
vor Gott bedeutet, keinen
Verlust zu fürchten außer
den Verlust Gottes selbst;
seien es Dinge, sei es der
Leib, sei es das Leben - ich
will lieber sie verlieren als
Gott. Ein Sprichwort sagt:
„Was wir fürchten, das hassen
wir auch.“ Mit dieser
Furcht will Gott nicht gefürchtet
noch geehrt werden.
Eine Furcht, mit Liebe vermischt,
ist die echte Ehre.
Wir sollen Gott über alle
Dinge fürchten, lieben und
vertrauen. Das ist der Anfang
der Erklärung von Dr. Martin
Luther zu den zehn Geboten
in unserem Katechismus.
Diese Erklärung ist aus dem
Wort Gottes geboren, darum
auch so zutreffend, dass es
besser keiner auslegen könnte.
Wir sollen ihn fürchten, weil
er der Herr ist, dein Gott, der
Heilige, euer Gott. Wir sollen
ihn lieben, weil Gott es ernst
meint mit dem „dein Gott“.
Wir sollen ihm vertrauen,
weil die Worte „der Herr,
dein Gott“ über alles wichtig
und wahr sind. Das heißt
auch: Weil ich allein Gott bin,
sollst du auf mich allein deine
ganze Zuversicht, Vertrauen
und Glauben setzen und auf
niemand anderen.
Das Wort Furcht findet sich
in ganz unterschiedlichen
Begriffen wieder: Furchtlos
und Ehrfurcht. Furchtlos beschreibt
der Psalmist Menschen
als Narren, die gottlos
sind. Sie sprechen in ihrem
Herzen: „Es gibt keinen
Gott.“ (Ps. 14, 1) Wenn ein
Kind sich einbildet, es könnte
mit seiner Hand den Mond
greifen, so ist es klug gegenüber
denjenigen, die in ihrem
Herzen sprechen: „Es gibt
keinen Gott.“ Menschen, die
so etwas behaupten, die gab
es schon zu allen Zeiten. Das
lehrt uns die Geschichte. Sie
sind aber mit ihrem Gedankengut
gescheitert und finsteren
Mächten verfallen. Das
führte sogar teilweise zu totaler
Verunsicherung und
krankhafter Angst. Da ist es
besser, sich an das Wort zu
halten: „Herr Gott, du bist
unsere Zuversicht für und
für.“
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Die Ehrfurcht vor Gott ist
uns geboten durch das Wort:
„Ein Sohn soll den Vater ehren,
und ein Knecht seinen
Herrn. Bin ich nun Vater, wo
ist meine Ehre? Bin ich Herr,
wo fürchtet man mich?,
spricht der Herr Zebaoth.“
(Mal. 1, 6) Ja, es muss etwas
Großes sein um die Furcht
Gottes. Gottes unsichtbares
Wesen, das ist seine ewige
Kraft und Gottheit, wird ersehen
seit der Schöpfung der
Welt und wahrgenommen an
seinen Werken. Jesus sagt
selbst: „Fürchtet euch nicht
vor denen, die den Leib töten
und danach nichts mehr tun
können. Ich will euch aber
zeigen, vor wem ihr euch
fürchten sollt: Fürchtet euch
vor dem, der, nachdem er
getötet hat, auch Macht hat,
zu werfen in die Hölle. Ja, ich
sage euch, vor dem fürchtet
euch.“ (Luk. 12, 4-5)
„Fürchte Gott und scheue
niemand“ ist ein altes Sprichwort.
Spuren der Furcht Gottes
sind in jedem Menschen.
Denn wo Feuer ist, da ist
auch Wärme, und da sprühen
Funken. Ein Kaufmann ist in
der Furcht Gottes, wenn er
ehrlich messen und wiegen
wird. Handwerker, wenn sie
- entsprechend den Regeln
des Handwerks - eine ordnungsgemäße
Arbeit herstellen.
Eltern, wenn sie ihren
Kindern den Weg zu Gott
weisen und weitergeben, was
sie von Gott und seinen
Wohltaten wissen.
Ich hörte von einer Begebenheit
aus der Nachkriegszeit:
Ein Vater hat einen leeren
Jutesack zusammengerollt,
auf den Gepäckträger seines
Fahrrades geklemmt, seinen
Buben daraufgesetzt und ist
aufs Land gefahren um Futter
für die Tiere zu holen.
„Ich werde dir zeigen, wie
man Futter für die Tiere besorgt.
Ein paar Rüben für die
Kaninchen, ein paar Kartoffeln
für die Familie“, klärte
er seinen Sohn auf, wobei er
aber mehr an die Seinen
dachte als an die Kaninchen.
Als sie aber am Feld standen,
da hat der Vater sich umund
umgeschaut, nach links
und nach rechts, ob auch die
Luft rein wäre, weil er bange
war vor denen, denen das
Feld gehörte. Das kam dem
Buben wunderlich vor und er
hat gerufen: „Vater, warum
siehst du nicht nach oben?
Du sagst doch immer, der
liebe Gott sieht alles!“ Das
ist dem Vater sehr zu Herzen
gegangen, und er hat das
Futterholen sein gelassen. Er
hat wortlos den Jutesack wieder
auf den Gepäckträger
seines Fahrrades geklemmt,
den Sohn daraufgesetzt, und
ist nach Hause geradelt.
Sieghard Pietschner |