Ich weiß gar nicht, ob es bei
euch in Münster den Ausdruck
„Tu dir Ruhe an!“ gibt.
Als ich ihn zum ersten Mal
von einer Bekannten hörte,
war ich belustigt und wunderte
mich richtig - denn Ruhe
bedeutet doch eigentlich,
nichts zu tun. Wie kann man
sich also „Nichts-zu-Tun“ antun?
Das scheint doch paradox!
Je älter ich werde, umso pfiffiger
und umso berechtigter
finde ich diesen Ausdruck.
Zeigt er doch, dass in unserer
Zeit und unserem Lebensgefüge
ganz bewusste Ruhe etwas
sehr Seltenes geworden
ist.
Der als Überschrift gewählte
Begriff „Entschleunigung“
wurde erstmals 1979 von
Jürgen vom Scheidt in einem
seiner Bücher verbreitet. Und
schon 1980 dichtete Peter
Strauch: „Hast und Eile,
Zeitnot und Betrieb nehmen
mich gefangen, jagen mich
…“ . Wir haben dieses Lied
oft gesungen und singen es
auch heute noch - eben, weil
es unser derzeitiges Lebensgefühl
so treffend einfängt.
Denn das gilt wohl weithin,
und jede Ausnahme davon
verdient ein Kompliment: Der
Sonntag wird nicht zur Erholung
genutzt, sondern zur
Abwechslung. Deshalb ist in
der Arbeitswelt der „Blaue
Montag“ so problematisch.
Und der Urlaub ist in der
Regel vollgestopft mit so viel
Neuem, so anstrengend, dass
man sich danach erst einmal
erholen muss. Beide, Sonntag
wie Urlaub, sind jedoch ursprünglich
dafür gedacht,
anschließend mit frischen
Kräften das zu tun, was getan
werden muss.
Was aber noch wichtiger ist
als die Verwendbarkeit in der
Arbeitswelt: In unserer erlebnishungrigen
und von Events
überquellenden Zeit
kommen schnell einige Dinge
zu kurz, die für unser Leben
genau so wichtig sind wie
Abwechslung und neue Reize,
nämlich die Vertiefung von
Vorhandenem, die
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Besinnung auf Wesentliches und Stille.
Deswegen komme ich jetzt
am Beginn der dunkleren
Jahreszeit auf dieses Thema.
Am letzten Sonntag im Oktober
stellen wir die Uhren
wieder eine Stunde zurück.
Damit endet die diesjährige,
seit 1980 bei uns eingeführte
Sommerzeit, die mehr Lebensqualität
bringen sollte,
zu gut Deutsch: Die hellen
Abende wurden ausgedehnt,
man ging später ins Bett,
also: Man „lebte“ jeden Tag
ein bisschen länger und war
am nächsten Morgen ein
bisschen müder als sonst.
Die jetzt anbrechenden dunkleren
Abende sind wie geschaffen
dafür, ein gutes
Buch zu lesen, sich intensiv
mit Gedanken zu beschäftigen,
für die man einfach Zeit
braucht, Stille zu erleben. Ihr
habt richtig gelesen: Stille
erleben - ein bisschen zum
Wundern, weil nach zeitgenössischer
Auffassung Stille
und Erleben sich widersprechen.
Aber der Gott, der uns geschaffen
hat, hat es uns vorgemacht
und will, dass wir es
ihm nachmachen: Dass wir
uns Ruhe antun, um intensive
Zeit mit ihm, unserem
Schöpfer, zu erleben.
Deswegen gehört zum Angebot
der Gemeinde - und es
ist sicher das wichtigste Angebot
- die wöchentliche
„Entschleunigung“. Ihr
merkt schon, ich will euch
ermutigen, auf jeden Fall
allwöchentlich ohne Ausnahme
euren Gottesdienst
zu besuchen. Nutzt den Sonntag
richtig - und freut euch
über die, die euch den Gottesdienst
verschönern mit
Moderation, Predigt, Musik,
anschließendem Kaffee und
was sonst noch dazu gehört.
Nur muss darauf geachtet
werden, dass es nicht nur ein
Termin für Gott bleibt, sondern
ein Termin mit Gott.
In alter Verbundenheit
Karl Grünberg |