|
|
| Angedacht. |
.Mai 2007 |
| Ziele meines Lebens - Gemeindebrief Mai 2007 |
Im Nachklang zu dem, was
ich Ihnen vor zwei Jahren
nach meinem Studium des
Buches „Leben mit Vision“
von Rick Warren schrieb, habe
ich wieder und weiter über
die Ziele meines Lebens
nachgedacht. Das Ergebnis
finden Sie hier.
Die Texte, in denen Paulus
den Glauben mit einem
Sportwettkampf vergleicht,
sind uns allen gut bekannt.
Da ist zum einen der Abschnitt
aus seinem Brief an
die mazedonische Gemeinde
in Philippi. Paulus schreibt
dort (Phil. 3, 12-14 nach der
Einheitsübersetzung):
Nicht dass ich es schon erreicht
hätte oder dass ich
schon vollendet wäre. Aber
ich strebe danach, es zu ergreifen,
weil auch ich von
Christus Jesus ergriffen worden
bin. Brüder, ich bilde
mir nicht ein, dass ich es
schon ergriffen hätte. Eines
aber tue ich: Ich vergesse, was
hinter mir liegt, und strecke
mich nach dem aus, was vor
mir ist. Das Ziel vor Augen,
jage ich nach dem Siegespreis:
der himmlischen Berufung,
die Gott uns in Christus
Jesus schenkt.
|
Und an die griechische Gemeinde
in Korinth formuliert
er (1. Kor. 9, 24-27):
Wisst ihr nicht, dass die
Läufer im Stadion zwar alle
laufen, aber dass nur einer
den Siegespreis gewinnt?
Lauft so, dass ihr ihn gewinnt.
Jeder Wettkämpfer
lebt aber völlig enthaltsam;
jene tun dies, um einen vergänglichen,
wir aber, um einen
unvergänglichen Siegeskranz
zu gewinnen. Darum
laufe ich nicht wie einer, der
ziellos läuft, und kämpfe mit
der Faust nicht wie einer, der
in die Luft schlägt; vielmehr
züchtige und unterwerfe
ich meinen Leib, damit ich
nicht anderen predige und
selbst verworfen werde.
Paulus verwendet hier Bilder
aus dem Sport seiner Zeit. Im
griechisch-römischen Fünfkampf
wurden Wettbewerbe
im Stadionlauf, Weitsprung,
Diskuswurf, Speerwurf und
Ringkampf ausgetragen.
Daneben gab es noch den
Pankration, eine reichlich
brutale Mischung aus Ring- und
Boxkampf. |
|
Paulus nimmt den Lauf und
den Ring- oder Boxkampf
zum Ausgangspunkt seiner
Überlegungen.
Auf dem Bild ist das Stadion
in Olympia zu sehen. Das „Stadion“
war ursprünglich
einer Längeneinheit
von knapp 200 m, die
Laufbahn von Olympia betrug
je Richtung 192 m. Die
Läufer liefen mehrfach diese
Strecke und schließlich auf
den Zeustempel (vermutlich
am linken Bildrand) als Ziel
zu. N.B. Auf dem Bild fällt
auf, dass die Läufer mit ihrer
Rüstung laufen. Hebräer 12,
1+2 nimmt vermutlich Bezug
auf diesen Waffenlauf.
Paulus verweist darauf, dass
die Athleten enthaltsam lebten,
um körperlich in Form
und besser als die Gegner zu
sein. Askese beim Essen, das
Training einzelner Muskelpartien,
Ausdauer, Aufbau von Kraftreserven - das war damals und ist heute noch
Alltag für Leistungssportler.
|
In einer Dokumentation über
den Deutschland-Achter der
Ruderer habe ich gesehen,
wie der Trainer die Männer
auf dem Trockenen in den Ruderriemen
bis zum Äußersten
fordert, damit sie auf dem
Wasser die Leistung bringen.
Askese, Enthaltsamkeit als
Voraussetzung für den Sieg -
das ist das eine Bild, das
Paulus benutzt.
Das andere ist das des Ringens
oder Boxens, wo man
den Gegner genau im Auge
haben muss, um seinen Griffen
und Schlägen auszuweichen
und selber Schläge landen
zu können.
Und schließlich das Bild des
Läufers: In vielen Stadien
rannten die Läufer - jedenfalls
in der letzten Runde auf
den Zeusaltar zu. Die Richtung
war klar und das Ziel
eindeutig.
Das Ziel im Auge haben und
den Gegner
|
Bildquelle: http://www.jadu.de/mittelalter/geschichte/images/olympische_spiele.jpg |
|
beobachten, ahnen, was er vorhat, das empfiehlt
Paulus den sportbegeisterten
Christen der Gemeinde
in Korinth.
Im Sport kam und kommt
natürlich, wie auch heute,
immer nur einer weiter. Im
Leben der Menschen, die mit
Jesus leben, gibt es selbstverständlich
keinen Kampf „einer
gegen alle“.
Aber erstens wird deutlich:
Zum Wettkampf anzutreten
genügt alleine nicht, um ans
Ziel zu kommen. Werner de
Boor2 kommt in seiner Untersuchung
des 1. Korintherbriefes
zu einer Aussage, die
er in einem interessanten
Wortspiel ausdrückt: Im
geistlichen Sinn zu laufen
heißt „Glauben zu halten“.
Glaube aber ist nur lebendig
und wirksam, wenn er
sich im Laufen ausdrückt,
wenn er in Bewegung ist.
Was heißt das für uns in unserer
Gemeinde? Erstens:
Leute, die gerade Christen
geworden sind, müssen Begleitung
und Förderung erfahren.
Ich denke da insbesondere
an die Jugendlichen,
2Werner de Boor, Der erste Brief des Paulus an die Korinther (aus der Reihe „Wuppertaler Studienbibel“), Wuppertal 91986, S. 159 ff. |
die wir in der letzten Zeit in
unsere Gemeinde aufgenommen
haben, weil sie gesagt
haben: „Wir wollen zu Jesus
und zur Gemeinde gehören.“
Was tun wir für sie? Sind
unsere Gottesdienste, sind
die Jugendstunden so ausgerichtet,
dass die jungen Leute
gute Nahrung zum Aufbau
ihres Lebens mit Jesus bekommen?
Trainieren wir
sie für das Leben mit Jesus?
Finden sie in unserer
Gemeinde geistliche
Vorbilder, bei denen sie
sagen: „So wie die möchte ich
auch einmal die Bibel
kennen, so wie der will ich
auch auf andere liebevoll
zugehen und ihnen zuhören
könnnen.“ ?
Bleiben wir reiferen
Christen beweglich, laufen
wir weiter? Oder sind
wir stehen geblieben - weil es
so viel Interessantes im Leben
gibt? Haben wir noch das
Ziel im Auge oder sind wir
hin und her gezerrt zwischen
konsequentem Leben mit Jesus
und den spannenden
Dingen, die uns unser irdisches
Leben zu bieten hat:
mit 15 die Freunde jeglicher
Art, mit 45 die berufliche
Karriere oder mit 75 das Genießen
des Rentnerdaseins.
Paulus sagt uns, dass wir
nicht ins „Ungewisse“ laufen sollen, nicht ziellos in der
Luft herumrudern.
|
|
Über einen nicht ganz unwesentlichen
Aspekt habe ich
allerdings noch nichts gesagt.
Was ist eigentlich das
Ziel? Gott möchte, dass wir
mit unserem Leben bei Ihm
ankommen. Und Er will,
wenn Er wiederkommt, wissen,
was wir mit unseren Fähigkeiten
und Gaben gemacht
haben. „Schön, dass
Du jetzt ganz bei mir bist;
dafür habe ich Meinen Sohn
auf die Erde geschickt; dessen
Auftrag war es, dich zu
erlösen. Und jetzt lass’ uns
einmal schauen, was du aus
deinem Auftrag gemacht
hast.“
Für mich ist das Ziel meines
Lebens, in immer engere
Gemeinschaft mit dem Gott
zu kommen, der mich geschaffen
hat und der mit mir
etwas vorhat. Die enge Verbindung
mit Ihm und der
Auftrag, den ich habe, darum
geht es mir.
Und diesen Auftrag gilt es
zu finden. Das ist die Herausforderung
für jeden einzelnen
Christen, der diesen
Gemeindebrief liest.
Ein Auftrag kann der Einsatz
von Gaben sein. Du hast
technisches Verständnis?
Dann hilf’ beim Mikrofondienst
mit, dass die Gottesdienste
schön werden. Oder
reparier’ das Auto von Bruder
Julius, der nicht das Geld
hat, sich eine Werkstatt zu
leisten. |
Zu welcher Aufgabe
in der Gemeinde lasse ich
mich dauerhaft einspannen,
weil ich merke, dass sie für
andere wichtig ist? Das geht
dann von Deiner Freizeit ab;
aber das gehört dann zu dem,
was Paulus „enthaltsam sein“
nennt. Da muss man auf etwas
verzichten, um anderen
etwas zu geben.
Eine andere Art von Auftrag
kann das Ausleben guter Beziehungen
sein. Für welchen
Anruf lässt du den „Tatort“
fahren, um eine Beziehung
wieder in Ordnung zu bringen
und Dich zu entschuldigen?
Welche Angewohnheit
lässt Du sein, weil sie deiner
Ehe schadet?
Paulus selbst hat diese Verbindung
von Glauben und
Laufen am Ende seines Lebens
so formulieren können:
Ich habe den guten Kampf
gekämpft, den Lauf vollendet,
die Treue gehalten. Schon
jetzt liegt für mich der Kranz
der Gerechtigkeit bereit, den
mir der Herr, der gerechte
Richter, an jenem Tag geben
wird, aber nicht nur mir, sondern allen, die sehnsüchtig
auf sein Erscheinen warten. (2. Tim 4, 7)
|
|
Das Motiv für seinen Lauf,
für sein Durchhalten im
Glauben wird im Philipperbrief
deutlich:
Nicht dass ich es schon erreicht
hätte oder dass ich
schon vollendet wäre. Aber
ich strebe danach, es zu ergreifen,
weil auch ich von
Christus Jesus ergriffen worden
bin.
(Phil. 3, 12)
Bin ich von Christus
ergriffen? Von Ihm selbst?
Bin ich begeistert davon, dass
Er mich lieb hat, dass Er
mein Leben führt und durch
Seine Aufträge reich macht?
Geht es mir um Jesus und
geht es mir um die Menschen,
die Er mir in den Weg oder
zur Seite stellt, die
Menschen, für die ich
Verantwortung habe?
Vielleicht ist das typisch
männlich, aber ich muss
mich immer wieder dazu
durchringen, den Menschen
den Vorrang vor den Sachen
zu geben. Ich muss lernen,
dass es nicht um Konzepte
geht, sondern um Menschen,
die Jesus ergreifen will. Nicht
das grandiose Gottesdienstkonzept
in sich wird uns dann wichtig sein, sondern
dass im Gottesdienst Menschen
Gott gegenübertreten
können und von Ihm ergriffen
werden können. |
Ich will, dass Gott von mir
sagt: „Der hat sich qualifiziert
für Aufgaben in meinem
Reich. Den kann ich gebrauchen.
Der hat seine Gaben
eingesetzt und seine Mitmenschen
lieb gehabt. Wie schön,
dass der mich so liebt.“ (Nach
Johannes 14, 23 sind nämlich
nicht nur schöne Gefühle ein
Zeichen für Liebe, sondern
schlichtweg der Gehorsam
Gott gegenüber.)
Dem Apostel Paulus ist sehr
bewusst, dass Laufen ein
Prozess ist, und zwar ein
schweißtreibender:
Brüder, ich bilde mir nicht
ein, dass ich es schon ergriffen
hätte. Eines aber tue ich:
Ich vergesse, was hinter mir
liegt, und strecke mich nach
dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich
nach dem Siegespreis: der
himmlischen Berufung, die
Gott uns in Christus Jesus
schenkt.
(Phil 3, 13 f.)
Dieses sich Qualifizieren
beim Laufen und Ringen
ist naturgemäß mit Kampf
verbunden. Eigentlich komisch, dass uns das immer
wieder überrascht und wir es
nicht wahrhaben oder vermeiden
wollen. |
|
In einer Auslegung
dieser Verse habe ich
gelesen, dass Paulus mit
Kämpfen die „äußerste Anspannung
aller Kräfte3“
meint; das griechische Wort
für „nachjagen“ bedeutet danach
ein „beharrliches sich
dahin Durchkämpfen4“.
Gemeinde hat immer wieder
mit frustriert Werden zu tun.
Können wir vergessen, was
dahinten gewesen ist und uns
neu auf das Ziel hin orientieren?
In Epheser 4, 31 + 32 ermutigt
uns Paulus:
Jede Art von Bitterkeit,
Wut, Zorn, Geschrei und Lästerung
und alles Böse verbannt
aus eurer Mitte! Seid
gütig zueinander, seid barmherzig,
vergebt einander, weil
auch Gott euch durch Christus
vergeben hat.
Das ist leichter gesagt als
getan.
Manchmal entlässt uns auch
Gott nicht aus unseren Auf-
3Beitrag von Hans-J. Uhle zum Perikopentext aus Phil. 3, 7-14 zum 9. Sonntag nach Trinitatis (9.8.1998)
in den Göttinger Predigtmeditationen (S. 376)
4Uhle, a.a.O. |
gaben, auch wenn wir sie
gerne loswären. Wenn uns
ein Dienst zu schwer wird,
wenn die Geschwister nicht
so mitmachen oder so dankbar
sind, wie ich das gerne
hätte und wie es mir gut täte,
dann habe ich schon manchmal
gedacht: „Jetzt reicht’ s!“
Aber oft hat Gott mir durch
Seinen Geist gesagt: „Das ist
Deine Aufgabe. Ich gebe Dir
die Kraft. Nirgendwo habe
ich dir versprochen, dass das
ein Spaziergang wird. Aber
an diesem Platz will ich dich
haben.“
Weiter unten im Abschnitt
aus dem Philipperbrief habe
ich noch etwas Heikles gefunden:
Ahmt auch ihr mich nach,
Brüder, und achtet auf jene,
die nach dem Vorbild leben,
das ihr an uns habt. Denn
viele - von denen ich oft zu
euch gesprochen habe, doch
jetzt unter Tränen spreche -
leben als Feinde des Kreuzes
Christi. Ihr Ende ist das
Verderben, ihr Gott der
Bauch; ihr Ruhm besteht in
ihrer Schande; Irdisches haben
sie im Sinn.
(Philipper 3, 17-19)
Die Leute, deren „Gott der
Bauch“ ist, sind im Zusammenhang
des Philipperbriefes nicht die unmäßigen Genießer
von Essen und Trinken;
|
|
vielmehr ging es Paulus darum,
dass die Gemeinde in
Philippi nicht dem Drängen
einiger Judenchristen nachgeben
sollte, die jüdischen
Speisevorschriften in die
Verhaltensregeln der Gemeinde
zu übernehmen. Sie
glaubten, ihre überlieferten
Erkenntnisse und Konzepte
auf die erlösten Heidenchristen
anwenden zu müssen. Ich
habe es eben schon angedeutet:
Für unsere Gemeinden
sehe ich die Gefahr, dass wir
Konzepte und Aktivitäten
anhäufen, aber das eigentlich
Zentrale aus den Augen verlieren:
die Liebe zueinander
und besonders zu denen, die
in besonderer Weise unsere
Zuwendung brauchen. Wann
gehen wir als Chor einmal zu
den alten Geschwistern singen?
Wann werden die Singles
unserer Gemeinde einmal
in die Familien eingeladen?
Wir haben so viel mit Gemeindesitzungen
und Arbeitskreisen
zu tun, wir sind
so sehr in unserem Beruf beschäftigt,
dass wir dazu viel
zu gestresst sind. Es mag in
diesem Rahmen Fälle geben,
wo man eine Aufgabe in andere |
Hände legen kann und
auch sollte. Besonders eben
dann, wenn man den Eindruck
hat: Ich verzettele
mich. Ich sehe nicht mehr die
Menschen, sondern nur noch
die Sache.
„Seid meine Nachahmer“,
sagt Paulus. Sicherlich haben
Sie auch solche Leute in der
Gemeinde, die es wert sind,
nachgeahmt zu werden. Das
sind oft nicht die, die vorne
stehen. Aber bestimmt fallen
Ihnen Geschwister ein, die
darum ringen, dass Gäste
angesprochen werden, oder
solche, die sich bis ins hohe
Alter für die Gemeinde einsetzen,
atmosphärisch oder
organisatorisch. Sie werden
merken: Sie haben Vorbilder,
die Sie nachahmen können.
Und mein persönliches Ziel
ist es, einmal so gelaufen zu
sein, so gekämpft zu haben,
dass ich Vorbild für andere
sein konnte und kann. Nicht
um meiner Ehre willen, sondern
damit die jüngeren, die
anderen auch von Gott ergriffen
werden.
Mit lieben Grüßen aus Langenfeld
Ihr / Euer Hans-Walter Nagel |
|
|