|
|
| Angedacht. |
.Dez. 2006 |
| Der Weihnachtsbraten - Gemeindebrief Dez. 2006 |
Weihnachten feiern wir einmal
im Jahr mit Verwandtenbesuch,
Festessen und
vielen Geschenken. Ach,
nichts ist so schwer zu ertragen
wie eine Reihe von guten
Tagen. Der ganze Festtagsstress
- was schenkt man
dem und dem, und was
kommt überhaupt auf dem
Tisch? Ich erzähle Euch ein
Erlebnis aus guten Tagen,
das man nicht so schnell vergisst,
und das einem immer
in Erinnerung bleibt.
Es ist schon über 20 Jahre
her, unsere Kinder waren
noch klein. Es war vor Weihnachten.
Mein Chef, der Oberpostbaurat,
sprach mich
an: „Herr Pietschner, was
gibt es denn bei ihnen am
Weihnachtstag zu essen?
Schon den richtigen Braten
zum Fest ausgesucht?“ „Ach“,
sagte ich, „der liebe Gott wird
schon für uns sorgen. Meine
Frau, die zaubert aus dem
Nichts ein richtiges Weihnachtbüfett.“
„Hm“, meinte
er, „von nichts kommt nichts.
Mögen Sie Wildkaninchen?“
Ich winkte bescheiden ab:
„Wild mag ich schon, aber es |
ist uns zu teuer.“ Da sagte er:
„Ich schenke Ihnen und Ihrer
Familie ein Wildkaninchen,
fertig ausgenommen, als
Weihnachtsbraten. Wissen
Sie, ich habe einen Freund,
einen begnadeten Waidmann.
Der schenkt mir jedes Jahr
zu Weihnachten ein Wildkaninchen.
Diesmal möchte unsere
Familie zu Weihnachten
etwas anderes essen. Mehrmals
habe ich ihm schon angedeutet:
‚Läuft dir denn
nicht auch mal ein Hase, Reh
oder sogar ein Hirsch vor die
Büchse?‘ Aber er meinte nur,
da wäre nicht beizukommen.
Sie können das Wildkaninchen
gerne haben, wenn Sie
es mögen, aber passen Sie auf
die vielen Bleikörner auf.“ Ich
zierte mich noch ein wenig,
aber wenn einer in Geberlaune
ist, dann soll man nicht
widersprechen.
|
|
Also fuhren wir nach Feierabend
bei ihm an der Wohnung vorbei. Er übergab mir
aus der Tiefkühltruhe den in
Packpapier gewickelten Braten.
Beschwingt - mit so einer
Fracht im Kofferraum
meines Autos - verlief die
Fahrt nach Hause zügig.
„Unser Weihnachtsbraten,
ein Wildkaninchen vom
Chef“, sagte ich und übergab
meiner Frau das Päckchen.
„Aber aufpassen wegen der
vielen Bleikörner“, gab ich
fachmännisch weiter. Meine
Frau wog und drehte das
Päckchen auf der Hand, dann
meinte sie: „Oh, das ist aber
ein Prachtexemplar.“ Frauen
haben irgendwie ein Talent
für Tatsachen. Ihr kamen
Zweifel auf. Schnell wickelte
sie den Braten aus dem
Packpapier, da hörte ich den
erstaunten Ausruf: „Das ist ja
ein gespickter Rehrücken!“
Jetzt bekam ich ein schlechtes
Gewissen. Hatte der Chef
vielleicht einen Fehlgriff in
der Tiefkühltruhe getan?
„Dann müssen wir ihn wohl
zurückgeben“, meinte ich
kleinlaut. Da sagte meine
Frau: „Geschenkt ist geschenkt!“
Und dann fing sie
an zu schwärmen, wie sie ihn
zubereiten würde. Es schallten
kulinarische Ausdrücke
von Zutaten durch den Raum,
die klangen so französisch,
dass ich mich fragte: „Bist du
schon in Frankreich, oder bist
du noch zu Hause?“
Jedenfalls, das kann ich vorwegnehmen:
|
Der gespickte
Rehrücken, das war der beste
Weihnachtsbraten, den wir
jemals hatten. Meine Frau
hatte ihn mit viel Liebe zubereitet
und wir haben ihn mit
dankbarem Herzen genossen.
Und alle lobten die Gebefreudigkeit
meines Chefs. „Papa,
bestimmt bist du recht fleißig
gewesen“, meinte mein Sohn.
Es war schon im neuen Jahr.
Mein Chef, der Oberpostbaurat,
kam aus dem Weihnachtsurlaub
zurück. „Na,
Herr Pietschner, wie war
denn der Weihnachtsbraten?
Hat das Wildkaninchen geschmeckt?“
„Bestens“, erwiderte
ich. „Wir hatten soviel
Freude an dem Braten. Nur
war es kein Wildkaninchen,
sondern ein fertig zubereiteter,
gespickter Rehrücken.“
„Der Braten war nicht für sie
bestimmt gewesen“, sagte er
geradeheraus. „Aber sie haben
ihn mir doch geschenkt?“,
erwiderte ich. „Ja, schon
gut“, meinte er, „ist alles in
Ordnung, Hauptsache er hat
geschmeckt.“ „Sehen Sie“,
erwiderte ich augenzwin-
kernd: „Der liebe Gott sorgt
für uns.“
Wenn Sie, lieber Leser/-in,
sich noch keinen Weihnachtsbraten
zum Fest besorgt
haben, rate ich Ihnen:
Kaufen Sie sich einen gespickten
Rehrücken. Man
gönnt sich ja sonst nichts.
Mit viel Liebe zubereitet und
mit dankbarem Herzen genossen,
zehrt man noch ein
ganzes Leben lang davon.
Sieghard Pietschner |
|
|