Es war die Zeit vor dem Valentinstag.
Ich stand im Discounter-
Kaufhaus, hielt eine
dekorative Pralinenschachtel
in der Hand, betrachtete sie
und dachte: „Könntest ja auch
mal deiner Frau eine Überraschung
mitbringen.“ Da tippte
mir doch einer auf die
Schulter und sagte: „Herr
Pietschner, Fastenzeit - sieben
Wochen ohne!“
Vor Schreck legte ich die Schachtel
ins Fach zurück. Eine
Frau aus unserer entfernteren
Nachbarschaft hatte mich
angesprochen. Zum Glück fiel
mir ein wunderbarer Vers
ein, und ich erwiderte: „Was
zum Munde eingeht, das
macht den Menschen nicht
unrein; sondern was zum
Munde ausgeht, das macht
den Menschen unrein.“
(Matth. 15, 11)
„Was hat das
mit Fasten zu tun?“, fragte
sie.
„Das sagt Jesus Christus
über das Fasten, und das
können Sie nachlesen im
Matthäus-Evangelium“, erwiderte
ich. Kopfschüttelnd
ging sie weiter.
Diese kleine Begebenheit
machte mich stutzig. Viele
Menschen halten die Fastenzeit.
Über den Sinn der Fastenzeit
gehen die Meinungen
aber wohl auseinander.
Das Kirchenjahr bietet vor
den Hauptfesten - Weihnachten
und Ostern - jeweils eine
Vorbereitungszeit, die der
Einkehr und der Besinnung
dienen soll. Das ist die Fastenzeit.
Das Fasten soll natürlich
freiwillig sein. Fastengebote
gibt es für evangelische
Christen nicht. Wie
können Christen fasten,
wenn Gott bei ihnen ist?
(Matth. 9, 14 - 17) (Gleichnis
vom jungen Wein in alten
Schläuchen; altes Kleid flicken
mit neuem Tuch.)
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Jesus hebt das Fasten nicht
auf, aber er hebt es aus dem
Gesetzeszwang des alten
Bundes heraus. Fasten ist
eine äußere Handlung, die
nur dann ausgeführt werden
soll, wenn eine innere Nötigung
dazu besteht. Außerdem
warnt Jesus davor, das Fasten
als ein Mittel zu gebrauchen,
um den Menschen seine Frömmigkeit zu beweisen.
(Matth. 6, 16 - 18)
Er ist es auch, der uns sagt:
„Was zum Munde herausgeht,
das kommt aus dem
Herzen, und das macht den
Menschen unrein. Denn aus
dem Herzen kommen arge
Gedanken, Mord, Ehebruch,
Unzucht, Dieberei, falsch
Zeugnis, Lästerung. Das sind
die Stücke, den Menschen
unrein machen.“ (Matth. 15,
18 - 20)
Fasten heißt, das Leben zu
überdenken. Das bedeutet
eine freiwillige, zeitweilige
Enthaltsamkeit von verschiedenen
Lebensnotwendigkeiten
wie Speise, Trank, Schlaf,
Umgang mit Menschen usw.
Ein Verzichten auf liebgewordene
Gewohnheiten. Der
Sinn dieser Enthaltsamkeit
besteht darin, die Bande zu
lösen, die uns an die materielle
Welt und an unsere Umgebung
fesseln, um auf diese
Weise die ganze Kraft der
Seele auf das Unsichtbare
und Ewige zu konzentrieren.
Das christliche Fasten beruht
also nicht darauf, dass wir
die gesamten Lebensnotwendigkeiten
als unrein oder unheilig
ansehen. Nein, kein
Ding ist sich selbst unrein;
auch die Speise ist von Gott
geschaffen, damit wir sie mit
Danksagung genießen. (1.
Tim. 4, 3) Das Fasten beruht
vielmehr darauf, dass unsere
Seele von Zeit zur Zeit ihre
ganze Kraft auf das eine, was
Not ist, konzentrieren möchte
und sich darum vorübergehend
der Dinge enthält, die
an sich erlaubt und uns nützlich
sind.
Sieghard Pietschner |